Tired and Wired: Wie du erschöpfte Teams achtsam führst
Müde sein und trotzdem nicht zur Ruhe kommen. Den ganzen Tag unter Strom stehen und abends im Bett liegen, während die Gedanken weiterrasen. Wenn du das kennst – bei dir selbst und in deinem Team – bist du nicht allein. Erschöpfung ist längst kein individuelles Versagen mehr, sondern ein kollektives Phänomen unserer Zeit.
Die eigentliche Führungsfrage lautet deshalb nicht: Wie halte ich noch mehr aus? Sondern: Wie führe ich achtsam, wenn das ganze Team am Limit ist?
Was bedeutet „Tired and Wired“?
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„Tired and Wired“ beschreibt einen Zustand, in dem Menschen gleichzeitig erschöpft und überdreht sind: Sie haben keine Energie mehr, können aber auch nicht abschalten. Erschöpfung und Überstimulation fallen zusammen – und sind für viele zum neuen Normal geworden. |
Erschöpfung ist kein Einzelfall mehr
Die Zahlen sind deutlich: Erhebungen zufolge berichten rund 71 Prozent der Führungskräfte von erhöhtem Stress durch ihre Rolle. Und 79 Prozent der Arbeitnehmenden erleben ihr Arbeitsumfeld als toxisch – Tendenz steigend. Das ist keine kleine Minderheit, das ist die Mehrheit.
Diese Zahlen entmutigen nicht – sie entlasten. Wenn dein Team erschöpft ist und du selbst vielleicht auch, ist das keine Schwäche, sondern die Realität, in der wir gerade führen.
Woher die kollektive Erschöpfung kommt
Erschöpfung ist nicht nur eine Frage der Stunden, sondern der Art, wie wir arbeiten. Drei Kräfte wirken zusammen: die permanente Erreichbarkeit, bei der schon die Slack-Nachricht um 22 Uhr eine unterschwellige Anspannung erzeugt. Die Informationsflut, in der jede Nachricht eine Mikro-Entscheidung verlangt. Und die ständige Unsicherheit, die fortlaufend Anpassung fordert. Zusammen ergibt das keinen akuten, sondern chronischen Stress – den unterschwelligen Dauerzustand, der die Ressourcen aufzehrt.
Warum Selbstfürsorge allein nicht reicht
Meditations-Apps, Yoga, Achtsamkeitsübungen – all das ist notwendig, aber nicht ausreichend. Denn wenn das System toxisch ist, kann individuelle Selbstfürsorge das nicht ausgleichen. Du kannst jeden Morgen meditieren und trotzdem ausbrennen, wenn die Strukturen um dich herum krank machen. Erschöpfung ist ein kollektives Problem – und braucht kollektive Antworten.
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Individuelle Selbstfürsorge |
Kollektive Achtsamkeit |
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Ebene |
die einzelne Person |
das ganze Team |
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Beispiel |
Meditation, Yoga, Pausen |
gemeinsame Stille, ehrliche Check-ins |
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Wirkung |
begrenzt bei toxischem System |
verändert die Kultur |
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Verantwortung |
jede:r für sich |
Führungskraft schafft den Raum |
Räume für kollektive Achtsamkeit schaffen
Als Führungskraft kannst du genau hier ansetzen – mit kleinen, konsequenten Gesten. Ein Meeting mit einer gemeinsamen Minute der Stille beginnen, nicht als Pflichtübung, sondern als echtes Ankommen. Regelmäßig fragen: „Wie geht es uns als Team?“ statt nur „Wie geht es dir?“. Und vorleben, dass es okay ist, nicht okay zu sein, indem du selbst einmal sagst: „Heute ist ein schwerer Tag.“ Das ist keine Schwäche, sondern Menschlichkeit – und Menschlichkeit schafft die Verbindung, aus der Vertrauen wächst.
Emotionale Regulation ist eine Führungskompetenz
Emotionale Regulation ist kein nettes Extra, sondern eine Kernfähigkeit: die eigenen Emotionen wahrnehmen, verstehen und steuern – nicht unterdrücken. Der Kern achtsamer Führung ist nicht, immer ruhig zu sein. Es ist der kurze Moment der Wahl zwischen Auslöser und Reaktion. Dieser Moment ist trainierbar. Je länger er wird, desto weiser werden die Entscheidungen.
Das FORIS-Modell bei Team-Erschöpfung
1. Erkennen – Die eigenen Stressmuster wahrnehmen: Wirst du unter Druck lauter, stiller, zynisch, hektisch? Wer sein Muster kennt, hat schon gewonnen.
2. Praxis – Statt neuer Tools eine tragfähige Haltung: Praxis statt Routinen. Räume für kollektive Achtsamkeit werden zur gelebten Gewohnheit, nicht zum Agendapunkt.
3. Integration – Das Neue dort verankern, wo Erschöpfung entsteht: in Meetings, Check-ins und im ehrlichen Umgang mit Grenzen – auch den eigenen.
Und manchmal ist Erschöpfung selbst ein Signal: dass die Arbeitslast zu hoch, die Erwartungen unrealistisch oder der Sinn abhandengekommen ist. Achtsame Führung hilft Menschen nicht nur, sich an dysfunktionale Systeme anzupassen – sie stellt diese Systeme auch infrage. Veränderung braucht Beziehung, und sie braucht manchmal den Mut zu sagen: So kann es nicht weitergehen.
Häufige Fragen
Was bedeutet „Tired and Wired“?
Ein Zustand, in dem Menschen gleichzeitig erschöpft und überdreht sind – ohne Energie, aber auch ohne die Fähigkeit abzuschalten. Erschöpfung und ständige Überstimulation treffen zusammen.
Reicht Selbstfürsorge gegen Erschöpfung im Team?
Nein. Selbstfürsorge ist notwendig, aber nicht ausreichend. Wenn die Strukturen belastend sind, braucht es kollektive Achtsamkeit auf Teamebene – und Führungskräfte, die dafür den Raum schaffen.
Was ist emotionale Regulation in der Führung?
Die Fähigkeit, eigene Emotionen wahrzunehmen und bewusst zu steuern, statt automatisch zu reagieren. Sie schafft den kurzen Moment der Wahl zwischen Auslöser und Reaktion – und ist eine trainierbare Kernkompetenz.
Wie unterstütze ich als Führungskraft ein erschöpftes Team?
Durch kleine, verlässliche Rituale kollektiver Achtsamkeit, echte Präsenz, die Erlaubnis, nicht immer stark sein zu müssen – und die Bereitschaft, belastende Strukturen zu hinterfragen statt sie nur zu verwalten.
Eine Frage zum Nachspüren
Was in deinem Team hältst du gerade mit Selbstfürsorge-Appellen aufrecht, das eigentlich eine Veränderung der Strukturen bräuchte?
Danny Fuchs begleitet Führungskräfte und Teams in Fragen achtsamer Führung – auf Grundlage von über 15 Jahren Coaching-Erfahrung und langjähriger Zen-Praxis. Aus dem Podcast „Führen. Menschlich. Bewusst.“ · Foris Coaching, Neu-Ulm.