Die eigene Praxis finden – warum Apps, Checklisten und Motivation nicht ausreichen

 

Wir leben in einer Zeit, in der es an Methoden nicht mangelt. Für nahezu jedes Problem gibt es ein Buch, einen Onlinekurs, eine App, einen Podcast oder ein Video. Wer Stress reduzieren möchte, findet unzählige Meditationen. Wer produktiver werden möchte, findet Morgenroutinen, Challenges und Selbstmanagement-Systeme. Wer sich persönlich weiterentwickeln möchte, kann aus einer kaum überschaubaren Anzahl von Konzepten und Techniken wählen.

Und trotzdem erleben viele Menschen etwas Erstaunliches: Sie wissen immer mehr, verändern aber erstaunlich wenig.

Das Problem liegt meist nicht im fehlenden Wissen. Es liegt darin, dass Wissen allein kein Leben verändert.

Der Unterschied zwischen Motivation und Praxis

In meiner Arbeit als Coach begegne ich immer wieder Menschen, die bereits viele gute Ideen kennen. Sie haben Bücher gelesen, Seminare besucht und Podcasts gehört. Oft sind sie intelligent, reflektiert und durchaus bereit, an sich zu arbeiten.

Trotzdem bleibt die gewünschte Veränderung häufig aus.

Warum?

Weil Motivation und Praxis zwei völlig unterschiedliche Dinge sind.

Motivation ist ein Gefühl. Sie kommt und geht. Manchmal fühlen wir uns inspiriert, manchmal nicht. Motivation eignet sich hervorragend, um etwas zu beginnen. Sie eignet sich aber nur bedingt, um etwas langfristig aufrechtzuerhalten.

Praxis funktioniert anders.

Praxis beginnt dort, wo die Motivation endet.

Sie zeigt sich an den Tagen, an denen wir keine Lust haben. An den Tagen, an denen niemand zuschaut. An den Tagen, an denen wir keinen unmittelbaren Nutzen erkennen können.

Genau dort entscheidet sich, ob etwas bereits Teil unseres Lebens geworden ist oder lediglich eine vorübergehende Begeisterung war.

Warum Yoga ein gutes Beispiel ist

Ein einfaches Beispiel macht diesen Unterschied deutlich.

Kaum jemand würde bestreiten, dass Yoga gesundheitsförderlich ist. Es verbessert die Beweglichkeit, stärkt den Körper und hilft vielen Menschen dabei, Stress abzubauen.

Doch diese Wirkung entsteht nicht durch einen Workshop. Sie entsteht nicht durch ein inspirierendes Wochenende. Und sie entsteht auch nicht durch den Kauf einer besonders schönen Yogamatte.

Die Wirkung entsteht durch Praxis.

Durch die regelmäßige Rückkehr.

Durch Wiederholung.

Durch Beständigkeit.

Die eigentliche Kraft des Yoga liegt nicht in einer einzelnen Stunde. Sie liegt in der Summe vieler Stunden, die sich über Monate und Jahre hinweg ansammeln.

Man könnte sogar sagen: Yoga hält uns nicht gesund. Die Praxis des Yoga hält uns gesund.

Für Meditation, Achtsamkeit, Journaling oder jede andere Form innerer Entwicklung gilt genau dasselbe.

Praxis ist keine Methode zur Selbstverbesserung

An diesem Punkt lohnt sich ein Blick auf das Zen.

Im Zen wird Praxis nicht in erster Linie als Methode verstanden, mit der wir uns selbst optimieren. Tatsudo Nicole Baden Roshi beschreibt Praxis als das vollständige Einwohnen der eigenen Erfahrung.

Dieser Gedanke verändert die Perspektive grundlegend.

Plötzlich geht es nicht mehr darum, ein besserer Mensch zu werden. Es geht darum, dem eigenen Leben vollständiger zu begegnen.

Praxis beginnt nicht erst auf dem Meditationskissen.

Sie beginnt im Atem.

Im Gehen.

Im Zuhören.

Im Essen.

In der Art, wie wir eine Tasse abstellen.

In der Art, wie wir einem Gedanken begegnen.

In der Art, wie wir mit anderen Menschen umgehen.

Der Zen-Lehrer Baker Roshi spricht deshalb von einem „Handwerk des Lebens“. Dieser Begriff gefällt mir besonders gut, weil er deutlich macht, dass Praxis nichts ist, das man an einem Wochenende erlernt.

Ein Handwerk entsteht durch Übung.

Durch Erfahrung.

Durch Wiederholung.

Durch Geduld.

Was ich in meiner Arbeit gelernt habe

Seit mehr als fünfzehn Jahren begleite ich Menschen in Veränderungsprozessen. Dabei arbeite ich mit unterschiedlichen Coaching-Methoden und halte viele davon für ausgesprochen wirksam.

Eine gute Intervention kann Perspektiven verändern.

Sie kann emotionale Blockaden lösen.

Sie kann neue Handlungsmöglichkeiten sichtbar machen.

Trotzdem habe ich im Laufe der Jahre gelernt, dass Coaching selten die eigentliche Veränderung ist.

Coaching ist oft ein Impuls.

Ein Anstoß.

Manchmal ein Wendepunkt.

Die eigentliche Veränderung geschieht danach.

Sie geschieht in den Tagen, Wochen und Monaten, wenn niemand mehr danebensteht. Wenn kein Coach Fragen stellt. Wenn kein Seminarraum mehr da ist. Wenn das Leben wieder beginnt, seine eigenen Bedingungen zu stellen.

Deshalb arbeite ich immer auf zwei Ebenen.

Einerseits geht es um Erkenntnis, Reflexion und Veränderungsarbeit. Andererseits geht es um die Entwicklung einer persönlichen Praxis.

Das Ziel ist, dass Menschen eine Vorstellung davon bekommen, was Praxis überhaupt bedeutet. Dass sie diese Idee mit nach Hause nehmen, sie weiterentwickeln und Schritt für Schritt zu einem festen Bestandteil ihres Lebens machen.

Denn Einsicht allein genügt selten.

Eine Erkenntnis, die nicht gelebt wird, verblasst oft erstaunlich schnell.

Praxis hingegen gräbt tiefe Spuren.

Die wahre Bedeutung von Praxis zeigt sich in Krisen

Solange das Leben funktioniert, erscheint innere Stabilität oft selbstverständlich.

Interessant wird es erst dann, wenn etwas passiert, womit wir nicht gerechnet haben.

Eine Trennung.

Eine Krankheit.

Ein Verlust.

Eine berufliche Krise.

Oder einfach der Moment, in dem wir feststellen, dass der bisherige Weg nicht mehr trägt.

In solchen Situationen suchen Menschen verständlicherweise nach Lösungen.

Doch eine andere Frage ist oft noch wichtiger:

Was trägt uns, solange die Lösung noch nicht da ist?

Was hilft uns in den Wochen der Unsicherheit?

Was hilft uns in den Nächten, in denen wir wachliegen?

Was hilft uns an den Tagen, an denen wir keine Antworten haben?

Genau dort zeigt sich die Bedeutung einer Praxis.

Praxis macht das Leben nicht einfacher. Sie verhindert keine Krisen und schützt uns nicht vor Verlusten. Aber sie verändert die Art, wie wir diesen Dingen begegnen.

Und das macht einen entscheidenden Unterschied.

Die Informationsfalle unserer Zeit

Wir leben heute in einer Welt permanenter Verfügbarkeit.

Noch nie war es so einfach, neue Methoden kennenzulernen. Mit wenigen Klicks finden wir tausende Bücher, Podcasts, Videos und Meinungen.

Das ist ein großer Vorteil.

Gleichzeitig birgt es eine Gefahr.

Wir verwechseln Konsum mit Entwicklung.

Wir hören einen Podcast über Gelassenheit und fühlen uns für einen Moment gelassener.

Wir lesen ein Buch über Achtsamkeit und fühlen uns für einen Moment achtsamer.

Wir schauen ein inspirierendes Video und fühlen uns für einen Moment motivierter.

Doch Inspiration ist nicht Transformation.

Wissen ist nicht Praxis.

Verstehen ist nicht Verkörperung.

Viele Menschen besitzen heute eine Bibliothek voller Antworten und haben gleichzeitig das Gefühl, sich selbst kaum verändert zu haben.

Nicht weil sie zu wenig wissen.

Sondern weil Entwicklung nicht durch Ansammeln entsteht.

Sie entsteht durch Vertiefung.

Praxis als Weg zurück zu sich selbst

Der Zen-Meister Shunryu Suzuki sagte einmal:

„Was wir Ich nennen, ist nur eine Schwingtür, die sich beim Einatmen und Ausatmen bewegt.“

Dieses Bild beschreibt für mich etwas Wesentliches.

Praxis bedeutet nicht, das Leben kontrollieren zu wollen.

Sie bedeutet nicht, ständig etwas erreichen zu müssen.

Und sie bedeutet auch nicht, fortwährend an sich selbst herumzuschrauben.

Praxis bedeutet, dem Leben zu begegnen.

Offen.

Wach.

Präsent.

Nicht besser werden zu müssen.

Sondern vollständiger da zu sein.

Vielleicht ist das der eigentliche Sinn einer Praxis.

Nicht die Flucht vor uns selbst.

Sondern die Rückkehr zu uns selbst.

Fazit

Wenn du aus diesem Artikel nur einen Gedanken mitnimmst, dann diesen:

Suche nicht nach der perfekten Methode.

Suche nach etwas, zu dem du immer wieder zurückkehren kannst.

Etwas, das du in dein Leben integrieren kannst.

Etwas, das auch dann noch da ist, wenn die Motivation verschwunden ist.

Denn die Wahrheit einer Praxis zeigt sich nicht, wenn alles leicht ist.

Sie zeigt sich dann, wenn das Leben schwer wird.

Dann wird aus einer Übung langsam ein Weg.

Aus einer Methode eine Haltung.

Aus einer Gewohnheit eine Lebensform.

Und aus einer Praxis vielleicht das Wertvollste, was ein Mensch entwickeln kann:

Eine verlässliche Beziehung zu sich selbst.

 

 

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